Für bestimmte Patienten die richtige Entscheidung

Was ist aktive Überwachung?

Aktive Überwachung (auch Active Surveillance - (AS)) ist eine Behandlungsstrategie beim Prostatakarzinom. Aktive Überwachung ist eine Überwachungsstrategie mit selektiv verzögerter Behandlung. Gemeint ist damit eine Verzögerung der Behandlung eines Prostatakarzinoms, bis der behandelnde Arzt Hinweise auf ein zunehmend aggressives Wachstum des Tumors erkennt. Die aktive Überwachung ist nur bei Patienten gefahrlos, deren Tumor auf die Prostata beschränkt ist und nur ein geringes Aggressivitätspotential zeigt. Meistens wird es als Option bei älteren Männern im schlechten Gesundheitszustand angeboten, um Risiken und Nebenwirkungen anderer Behandlungsmethoden zu vermeiden. Viele dieser Männer werden während ihres Lebens keinerlei Symptome ihres Prostatatumors erleben. 

Bei der aktiven Überwachung erfolgt zunächst keine eingreifende (invasive) Behandlung. Der Zustand der Erkrankung wird in engmaschigen ärztlichen Kontrollen ständig beobachtet. Regelmäßig werden der PSA-Wert bestimmt, Tastuntersuchungen (digital rektale Untersuchung) durchgeführt und in regelmäßigen Abständen auch Gewebeuntersuchungen (Kontroll-Biopsien) der Prostata vorgenommen. Sobald eine Zunahme der Aggressivität des Tumors erkenntlich wird, wird dem Patienten eine invasive Behandlung, wie z. B. eine Operation oder Bestrahlung angeboten. Die aktive Überwachung kann auch eine Therapieoption für jüngere Männer sein, die mögliche Nebenwirkungen durch eine invasive Therapie so lange wie möglich aufschieben wollen. Allerdings ist noch nicht ausreichend untersucht, ob insbesondere für jüngere Männer ein Risiko bei der aktiven Überwachung besteht. 

Was sind die Risiken der aktiven Überwachung?

Manche Prostatatumoren wachsen sehr langsam und beeinflussen die Lebenserwartung der Patienten (abhängig vom Lebensalter) wenig. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals Beschwerden verursachen würden, oder Patienten an ihnen versterben. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich ein langsam wachsender Tumor plötzlich und unbemerkt in einen schnell wachsenden Tumor wandelt und aus der Prostata heraus wächst und diese Situation nicht rechtzeitig erkannt wird. Theoretisch besteht die Gefahr, dass der Tumor dann auch durch Bestrahlung oder Operation nicht mehr geheilt werden kann. 

Es ist möglich, dass die Agressivitätszunahme des Tumors erst in höherem Alter auftritt und eine invasive Therapie notwendig wird. Dabei ist zu bedenken, dass bei älteren Patienten eine invasive Behandlung risikoreicher hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen ist und dass ältere Patienten nach einer Therapie einer längeren Zeit der Erholung bedürfen. 

Während der aktiven Überwachung sind häufige Arztbesuche für den PSA-Test, rektale Tastuntersuchungen und Prostatabiopsieentnahmen notwendig. 

Eine Krebserkrankung zu haben, ohne direkte Behandlung, kann für manche Patienten psychisch sehr belastend sein. Vor der Entscheidung zu einer aktiven Überwachung ist für manche Männer ein Gespräch mit einem Psychoonkologen hilfreich, das in der Martini-Klinik angeboten wird. 

Was sind die Vorteile einer aktiven Überwachung?

Für manche Patienten mit einem sehr langsam wachsenden Tumor besteht eine gute Chance, dass das Prostatakarzinom niemals zu Beschwerden führt oder es einer invasiven Therapie bedarf. Untersuchungen haben gezeigt, dass Patienten mit einem Tumor niedriger Aggressivität die gleiche Lebenserwartung haben wie Männer, die bei einem gleichen Tumor mittels Bestrahlung oder Operation behandelt wurden. Das potentielle Risiko einer Impotenz oder Inkontinenz besteht bei der aktiven Überwachung nicht. Allerdings ist eine abschließende Beurteilung zu den Risiken und Chancen der aktiven Überwachung noch nicht möglich. Langzeitauswertungen müssen hier für eine definitive Beurteilung noch abgewartet werden. Deshalb bieten wir allen Patienten, die sich für eine aktive Überwachung interessieren, an, diese im Rahmen einer Studie, wie PRIAS (Active Surveillance for Low-Risk Prostate Cancer Worldwide: The PRIAS Study) wahrzunehmen. 

"Patienten, die die aktive Überwachung wählen, haben ihre Chance auf Heilung nicht vergeben. Die Behandlung wird nur aufgeschoben so weit es vertretbar ist. Patienten, die von sich aus nicht länger eine aktive Überwachung wünschen, können sie sofort abbrechen und sich jederzeit für einen sofortigen Behandlungsbeginn entscheiden.

Prof. Dr. Hans Heinzer

Voraussetzung für eine aktive Überwachung ist ein Tumor mit niedrigem Aggressivitätspotential. Im Vorfeld ist eine sorgfältige Prüfung und Abwägung notwendig, ob alle Voraussetzungen für die Durchführung einer aktiven Überwachung vorhanden sind."