Ich muss mich für den Krebs in mir nicht entschuldigen

Wie geht's?

Diese Frage ist normalerweise eine der oberflächlichsten Floskeln, eine Worthülse, die nichts bedeutet. In keinem Fall ist man daran interessiert, zu erfahren, wie es dem/der anderen wirklich geht. Ganz anderes ist es, wenn man diese Frage Wolfgang Bosbach stellt. 2010 wurde dem CDU-Politiker nach der Diagnose 'Prostatakrebs' die Vorsteherdrüse entfernt – eine gelungene Operation. Doch wenige Monate später, nach einem rasant gestiegenen PSA-Wert – dieser gnadenlosen Messzahl des Prostatakrebses – die niederschmetternde Botschaft des Urologen: "Machen Sie einfach die Dinge, die Ihnen noch Spaß machen." Der Krebs hatte gestreut, trotz Strahlentherapie. 'Unheilbar' – ein Wort des Arztes, ein einziger Schock. Mehr als 1500 Tage und Nächte hat Wolfgang Bosbach, einer der bekanntesten und anerkanntesten Unions-Politiker, langjähriger Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag, diese Schocknachricht "unheilbar" mittlerweile überlebt.

Also, Wolfgang Bosbach, wie geht's? 

In seinem Berliner Büro im Regierungsviertel, dem Zentrum der Macht, lehnt sich Wolfgang Bosbach zurück, antwortet: "Ich habe keine Schmerzen, ich habe keine Beschwerden, die mich in meiner Arbeit hindern... ich kann Sport treiben, Tennis spielen. Es gibt also Schlimmeres. Kummer allerdings macht mir die chronische Müdigkeit – eine Folge der Hormonentzungstherapie, der ich mich unterziehen muss." Insgesamt nimmt Bosbach täglich sechs Medikamente; fünf, um die chronische Herzschwäche und den Herzschrittmacher auf Trab und in Balance zu halten, eine wegen des Prostatakrebses. Bosbach: "Das ist schon ein beeindruckendes Arsenal… und manchmal frage ich mich: Was bekämpfe ich, die Krankheiten oder deren Nebenwirkungen?"

Aber aufgeben, sich möglicherweise ergeben – das ist nicht Bosbachs Lebensphilosophie. Er ist ein Mensch, der sich nicht unterkriegen lassen will – auch, wenn das Leben wieder einmal die Richtung ändert. 'Jetzt erst recht', das ist nicht nur der Titel eines Buches über Wolfgang Bosbach (Autorin Anna von Bayern). Ja, dieser Wolfgang Bosbach ist fest entschlossen, mit Humor und Leidenschaft gegen den Krebs und für seine Werte und Ziele zu kämpfen. 

Mit Humor in der Situation?

"Na, klar", sagt Wolfgang Bosbach, "ich bin schließlich Rheinländer – von Geburt an und aus Überzeugung. Humor ist die beste Medizin. Humor ist ein Motor, wenngleich es auch in Berlin immer schwieriger wird, mit Humor durch das Leben zu gehen."

Das müssen Sie bitte erklären. 

"Gern... viele verwechseln Humor mit Oberflächlichkeit. Wenn man hier den Menschen einen fröhlichen guten Morgen wünscht, macht man sich schon verdächtig... bei vielen Politikern gilt schlechte Laune möglicherweise sogar als Nachweis besonderer Seriosität – man macht sich von morgens bis abends Sorgen um die Welt und zeigt das auch mit der Körpersprache.“ Wolfgang Bosbach lacht laut und herzhaft, als er das sagt.

Wichtig für Bosbach ist auch, mit der Krankheit offen umzugehen. "Ich muss mich für den Krebs in mir nicht entschuldigen, nicht rechtfertigen – die Krankheit muss mir nicht peinlich sein." Und genau deshalb ist Bosbach auch bereit, öffentlich in Talkshows über den Umgang mit der Geißel Krebs zu sprechen. Und mit dieser Einstellung, dieser Herangehensweise, macht er vielen Menschen Mut. Wolfgang Bosbach nennt dafür ein Beispiel: "Kürzlich bummelte ich mit meiner Frau durch die Fußgängerzone von Kitzbühel. Da packte mich plötzlich ein Mann an der Schulter und sagte: Herr Bosbach, ich habe das gleiche wie Sie… und ich mache das genau wie Sie. Ich lasse mich nicht unterkriegen." Bosbach, beglückt und nachdenklich zugleich: "Das sind doch schöne Erlebnisse... oder?“

In der Familie allerdings ist das Thema Krebs tabu. Der Politiker, Rechtsanwalt und Vater von drei erwachsenen Töchtern: "Wenn ich nach Hause komme, will ich mich mit ganz anderen Dingen beschäftigen – nicht mit der Krankheit. Ich will damit auch weder meine Frau noch meine Töchter belasten... sie sollen unbeschwert ihr Leben führen." Und wenn die Töchter doch einmal eine Frage haben, weil es gerade nicht so leicht ist mit dem unbeschwerten Leben? Wolfgang Bosbach: "Natürlich antworte ich. Aber sie wissen alle, dass ich die Fragen nicht gern höre. Ich sage ihnen immer: Wenn es etwas Neues gibt, dann melde ich mich." Und wieder ist da dieses unüberhörbare, herzhafte Lachen des Wolfgang Bosbach! Das Lachen freilich, das darf nicht suggerieren, Patient Bosbach würde die Krankheit mitsamt der bitteren Prognose auf die leichte Schulter nehmen! Im Gegenteil! Das Lachen, die Arbeit mit dem 12-Stunden-Tag, der engagierte Kontakt zu seinen Wählern... das gehört zum eigenen Therapieprogramm des Wolfgang Bosbach. "Obendrein", so sagt er, "hat es noch keine einzige Pille gegeben, die ich nicht minutiös und zuverlässig eingenommen habe. Aber wenn ich miesepetrig wäre, würde es mir auch nicht besser gehen. Ich bin noch nie an Dingen verzweifelt, die ich nicht ändern kann." 

Dennoch gibt es Dinge, die ihn nachdenklich machen.

Die Diagnose Prostatakrebs gehört dazu – eine pure Zufallsdiagnose, als sein Herzschrittmacher ausgetauscht werden sollte. "Ja", gibt Bosbach zu, "ich habe nie eine Vorsorgeuntersuchung gemacht. Dabei wäre der Krebs höchstwahrscheinlich viel früher entdeckt worden – mit allerbesten Heilungschancen." Wenngleich Bosbach die Vorsorge nicht verantwortungsvoll betrieben hat, die Nachsorge findet alle drei Monate statt. Und zwar pünktlich und ohne Wenn und Aber! Bosbach: "Die drei, vier Tage, die ich dann auf das Ergebnis warten muss, die sind schon sehr, sehr nervenaufreibend." Nach diesem Satz lacht Wolfgang Bosbach nicht.

Chronische Herzschwäche, Herzschrittmacher, Prostatakrebs... gab es manchmal oder gibt es Situationen für Wolfgang Bosbach mit Gott zu hadern? Bosbach: "Natürlich. Mein Glaube spielt für mich eine große Rolle, gleichzeitig hadere ich mit ihm, denn ich habe ihm schon mehr als einmal gesagt: Ich führe ein ordentliches Leben. Ich lebe gesund, habe kein Übergewicht, treibe Sport, rauche nicht, trinke so gut wie nicht. Warum also ich? Warum packst Du mir gleich  z w e i  Pakete auf die Schulter." Fragen, die ohne Antwort bleiben. Einmal allerdings hat Bosbach die einstige Bischöfin Margot Käßman zu diesem Thema ins Vertrauen gezogen, und sie hat ihm geantwortet: "Vielleicht ist das 'Warum ich' die falsche Frage. Fragen Sie sich doch mal: Warum ich nicht...?"

Während unseres Gesprächs im Paul-Löbe-Haus am Reichstag sitzt eine junge Frau neben Bosbach. Der CDU-Mann hat sie gebeten, dabei zu sein – sie ist, wie er sagt,'meine Lieblingskrankenschwester Anja'. Die beiden haben sich kennen und schätzen gelernt, als Bosbach sich 2010 in der Martini-Klinik in Hamburg operieren ließ. Warum hat sich Bosbach damals für die Martini-Klinik entschieden? Der Politiker: "Ich habe meine Krankenkasse und den Gesundheitsexperten der SPD Dr. Karl Lauterbach gefragt, welches die beste Klinik in Deutschland bei der Behandlung von Prostatakrebs sei. Beide haben mir unabhängig voneinander die Martini-Klinik empfohlen." An die Martini-Klinik hat Wolfgang Bosbach die besten Erinnerungen. "Ich fühlte mich rundum perfekt aufgehoben. Ich würde jedem empfehlen, sich hier behandeln zu lassen." Für Bosbach hatte die Klinik damals noch einen weiteren Vorteil. "Sie ist weit weg von meinem Zuhause in Bergisch Gladbach. Ich mag es wirklich nicht, im Krankenhaus Besuch zu bekommen. Da will ich meine Ruhe haben... keine Verwandtschaft, die sich weinend über das Bett wirf und Dinge betrauert, die ich viel lockerer sehe." 

Schwester Anja Köster gehörte zum Pflege-Team, das Wolfgang Bosbach im Prostatakrebszentrum betreute. Sie erinnert sich daran: "Für mich war Herr Bosbach natürlich nur der Mensch, der Patient – als Politiker kannte ich ihn damals so gut wie gar nicht. In der Klinik arbeiten wir alle mit demselben Gedanken bzw. dem Ziel, dass sich unsere Patienten trotz schwerer Diagnose geborgen und wohlfühlen sollten. So ergaben sich auch mit Herrn Bosbach längere Unterhaltungen über das Leben und auch über die Politik. Und immer wieder haben wir viel miteinander gelacht, denn Herr Bosbach verliert auch in den schwierigsten Phasen nicht seinen unglaublichen Humor, der ihn letztendlich für so viele Menschen zum Vorbild macht. Seitdem haben wir Kontakt gehalten, und über die Jahre hat sich daraus eine Art Freundschaft entwickelt." Das heißt: Die beiden schicken sich immer mal wieder eine SMS, als Wolfgang Bosbach in der ZDF-Sendung 'Markus Lanz' war, um über den Umgang mit seiner Krankheit interviewt zu werden, hatte er dafür gesorgt, dass Anja Köster und eine Kollegin in vorderster Reihe im Studio saßen.

Wie geht es nun weiter, Wolfgang Bosbach? 

Dem Spiegel hat er erzählt, dass er gern zu Hause sterben würde ("Ich möchte meinen Lieben dann alles sagen können, was für mich noch wichtig ist und was ich ihnen schon immer sagen wollte") und wie er sich sein Begräbnis vorstellt ("Nicht nur Kirchenlieder, und keine langen Reden, die Leute wollen was zu essen haben").

Aber wie geht es im Leben weiter? Noch Wünsche? Wolfgang Bosbach: "Einen Wunsch habe ich mir schon erfüllt. Ich war noch nie in Asien. Zum Jahreswechsel bin ich mit der ganzen Familie und Freunden nach Thailand geflogen, war in Bangkok, bin durch die Inselwelt geschippert, habe mich im Norden von Chiang Mai faszinieren lassen." Pause. "Und im nächsten Jahr möchte ich gern noch einmal mit meiner Familie den legendären kalifornischen Highway Nr. 1 fahren. Aber nicht, wie ich ihn schon einmal gefahren bin, von Süd nach Nord, also von San Diego nach San Francisco, sondern von Norden nach Süden."

Warum die 740 Kilometer quasi von oben nach unten?

Wolfgang Bosbach: "Die Strecke ist noch spektakulärer. Die Küste ist rechts, da hat man das Wasser also auf seiner Seite. Da hören Sie den Pazifik so richtig rauschen."