Für meine Kinder

Das Kontroll-MRT für Frank Hohensee ist für 13.30 Uhr angesetzt. Prof. Dr. Thorsten Schlomm, Urologe, Top-Experte im Bereich der genspezifischen Tumortherapie, hat sich den Nachmittag freigeschaufelt, um bei seinem Patienten zu sein.

Austherapiert

Seit er 2014 erfuhr, dass bei seinem hoch aggressiven Tumor zunächst nicht einmal klar war, ob er in der Blase, der Prostata oder dem Darm sitzt, hat Frank Hohensee, Vater von drei Kindern, dieses Un-Wort oft gehört.  

Von der ersten klinischen Untersuchung in seinem Heimatort Gronau bis zu der Erkenntnis, dass auch die Lymphknoten massiv befallen waren; dass sich bereits Metastasen im Körper ausbreiteten, vergingen nur 48 Stunden. Der Tumor sei zu groß für eine Operation, erklärte man ihm. „Es hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt seine Frau, Daniela Hohensee, 36. Die Diagnose hat ein Meer aus Angst zurückgelassen. Wie viel von der verbleibenden Lebenszeit ist schon um? Was sagen wir unseren drei Kindern – und wann? Die Antihormontherapie, die das Testosteron und damit das Tumorwachstum drosselt, nahm ihr den Partner und ließ nur den Freund zurück. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Die Liebe zu ihrem Mann ist unübersehbar. Aber auch die Sehnsucht nach seinem Begehren, die nun ungestillt bleibt. Müdigkeit und Schmerzen nahmen stattdessen kontinuierlich zu. Als die Chemo begann, war es Zeit, die Kinder einzuweihen. „Denn nun war ja sein Zustand offensichtlich.“ Sie kontaktierten ein Hospiz. Sie sprachen über ein Begräbnis. Bei ihrem ersten Urlaub nach der vernichtenden Diagnose fragten sie sich unaufhörlich, ob dies ihr letzter sein würde. Die verbleibende Zeit raste ihnen durch die Finger. Er zog sich immer mehr aus dem eigenen Lottogeschäft zurück das sie mehr und mehr übernahm. Dafür gab Sie ihren geliebten Beruf der Altenpflege auf.

Ihr Glück war, dass sie zu Beginn der Krankheit den Tip bekamen: „Gehen Sie in die Martini-Klinik zu Professor Schlomm. Holen Sie sich eine zweite Meinung.“  

Dass das Leben ihm diese Chance gab, sieht Frank Hohensee als ein Geschenk. Er wurde zunächst mit einer Hormontherapie behandelt, die den Tumor verkleinerte, sodass eine Operation möglich wurde. Anschließend wurde er mit einer Chemotherapie nachbehandelt. Als die etablierte Therapie ausgereizt war und der Tumor in die Leber streute begann seine individuelle, genspezifische Therapie. 

„Jeder Patient ist ein neues Lehrbuch“,

sagt Prof. Schlomm. „Wie bei Google Earth fährt man jeweils alle Straßen des Genoms ab, sucht nach Brüchen, Genfusionen, Mutationen, die dort nicht hingehören. Und dann macht man eine Navigation daraus, mit welchem Medikament wir die wichtigste Genveränderung erreichen und behandeln können.“ 

Weltweit werden diese Gensequenzierungen gesammelt, die Wege entschlüsselt: sogenannte Pathways, auf denen sich auch Metastasen ausbreiten. Sie ähneln sich bei vielen sequenzierten Tumorarten. Die gesammelten Genprofile werden mit gesunder DNA verglichen und sollen in Zukunft in einem eigens eingerichteten sozialen Netzwerk mit dem Namen „Progether“ mit Ärzten ebenso wie mit Prostatakrebs-Patienten geteilt werden. So profitieren alle weltweit von allen anderen Erfahrungen. So werden Therapien optimiert. Prof. Schlomm arbeitet mit einem internationalen Netzwerk von Genforschern, Mathematikern und Ärzten zusammen an der Entschlüsselung der Krebsgene und deren gezielten Therapien. „Das Zeitalter des einsamen Forschers ist vorbei“ sagt Schlomm. „Heutzutage kann man relevante Forschung, die auch den Patienten hilft, nur mit den besten Forschern der Welt im Team durchführen“. Die Sequenzierung der Tumoren und die mathematische Auswertung findet z.B. im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem Nationalen Tumorzentrum (NCT) in Heidelberg statt. Hier haben die Forscher und Ärzte ein eigenes „molekulares Tumorboard“-Programm (NCT-MASTER Programm) etabliert.

Frank Hohensee ist die zweite „Google-Earth-Karte“,

die der Professor in der Martini-Klinik im Team mit Frau PD Dr. Gunhild von Amsberg aus der UKE Onkologie und seinem betreuenden Arzt aus der Klinik in Gronau Herrn Dr. Andreas Schütte genspezifisch behandelt. Die jahrelange Forschung konkretisiert sich nun an dieser noch so jungen Familie. Dass es überhaupt eine Chance gibt, dass die Metastasen in seinen Lymphknoten, seiner Leber, den Knochen zurückweichen, ist Ausdruck einer neuen, revolutionären Ära in der Krebstherapie. „Alles, was jetzt erforscht wird, kommt den Generationen nach mir zugute“, sagt Frank Hohensee. 

Patient und Arzt wollen das gleiche aus unterschiedlichen Gründen: der eine als Arzt und Wissenschaftler, der andere als Vater. Denn die drei Kinder von Frank Hohensee, 9 Jahre die Tochter und 7 Jahre alt das Zwillingspaar, tragen womöglich die gleichen Gene in sich, die eines Tages auch bei ihnen irgendwo Krebs auslösen können – nicht nur in der Prostata. Er kämpft um ihre Zukunft in jedem Augenblick seines Lebens. Frank Hohensee will dazu beitragen, die Früherkennung durch Gensequenzierung maßgeblich zu verbessern – vor allem anderen für sie. 

Und sind die Medikamente dank Sequenzierung erst einmal für die genbasierte Therapie statt wie bisher nur immer für den Ort des Tumors zugelassen, könnte man in Zukunft frühzeitig den krebserzeugenden Fehlverschaltungen im Genom den Weg abschneiden – ohne all die schwerwiegenden Nebenwirkungen bisheriger Therapien. „All das zusammen genommen“, sagt Frank Hohensee, „könnte meinen Kindern eines Tages das Leben retten.“

Für ihn selbst geht es um mehr Lebenszeit und mehr Lebensqualität. „Das klinische Ansprechen ist für uns entscheidend“, sagt Schlomm, „Marker und Blutwerte sind akademisch interessant, für den Patienten aber nicht so wichtig. Hier geht es nicht immer darum dem Leben mehr Monate zu geben, sondern mehr Lebensqualität“. Frank Hohensee sagt: „Das klingt jetzt komisch, aber mir geht es jetzt besser als vor fünf Jahren.“ Da wusste er noch nichts von seinem Tumor. Aber die Auswirkungen waren bereits spürbar. Seine Lebensenergie kehrt zurück. Er spielt wieder Fußball mit den Kindern, geht mit dem Hund. „Wir können nicht weiter als wenige Wochen vorausschauen“, sagt Prof. Schlomm, „weil es noch keine Erfahrungswerte gibt, wie sich die Krankheit unter der Behandlung entwickelt. Aber das wollen wir dringend ändern!“

Der Experte betont immer wieder, wie wichtig es ist, das heraus operierte Prostatagewebe sachgerecht aufzubewahren, um die DNA darin nicht zu zerstören. „Das müssen Patienten unbedingt einfordern. Nur so lässt sich eine Karte des individuellen Genoms eines Patienten sequenzieren. Nur so lässt sich die optimale Therapie finden.“

Für Frank Hohensee bedeutet das aktuell, dass er mit einem Mittel behandelt wird, das eigentlich nur für Eierstockkrebs zugelassen ist: Olaparib. Die genetischen Muster, für die das Medikament eigens entwickelt wurde, passen perfekt zu seinem Prostatatumor. „Theoretisch müssten die meisten Männer mit dieser Krebsvariante darauf ansprechen“, so Prof. Schlomm.

Frank Hohensee ist ein Mann mit einem Krebsgenom, das sich seit Generationen durch seine Familie zieht. Die Anlage sitzt in der Keimbahn und damit in jeder einzelnen Zelle des Körpers. Und genau dadurch entspricht er auch dem Kriterium Nr. 1, das im Augenblick zugrunde gelegt wird, um eine solche genspezifische Therapie genehmigt zu bekommen: sechzehn Tabletten am Tag, 7500 Euro Kosten im Monat. Das zweite Kriterium ist sein junges Alter: „Wir gehen davon aus“, sagt Prof. Schlomm, „dass wir bei jungen Patienten noch nah am Ursprung des Tumors sind.“ Er wurde noch nicht so maßgeblich durch Alter oder Lebensstilfaktoren beeinflusst und verändert; denn auch diese können wiederum zu weiteren Brüchen in der DNA führen und den Tumor dadurch weiter verändern und resistent gegen Therapien machen.

Die Gensequenzierung ist bald nicht mehr teurer als ein MRT. Die Chance auf eine solche experimentelle Behandlung bekommt man im Moment leider nur, wenn die Medizin mit ihrer Weisheit am Ende der Fahnenstange angekommen ist, also alle etablierten Therapien ausgereizt sind; und eine der Hürden ist die Indikation, für die das eigentlich perfekt passende Medikament zugelassen ist. Wenn „Melanom“ auf der Packung steht, darf es z. B. bei Brustkrebs nicht ohne weiteres angewendet werden – selbst, wenn es aufgrund des genetischen Musters helfen würde. Prof. Schlomm: „Man müsste die Zulassung dieser Medikamente die gezielt genetische Veränderungen behandeln auf Genprofile umändern, statt den Ort des Tumors als Indikation zu nehmen.“ Aus seiner Sicht wird das geschehen, je mehr sich der Genom-Weg als richtig erweist.

„Du wirst einer von denen sein, der mit Metastasen 94 wird“, sagt Daniela Hohensee zu ihrem Mann. Und dann schüttelt sie sofort den Kopf. „Nein, nein, wir müssen ja realistisch bleiben.“

Realistisch ist an diesem Tag, dass das Kontroll-MRT gezeigt hat, dass die Metastasen in Leber und Lymphknoten ein Stück kleiner geworden sind. Und es sind keine neuen hinzugekommen! „Das ist ein Wahnsinnserfolg“, sagt Prof. Schlomm. „Den haben wir so noch nicht gesehen.“

Realistisch ist die gewonnene Zeit und dass die beiden sich ins Auto setzen und zu ihren Kindern, um die sie so sehr bangen, heimfahren können… mit einem kleinen Funken Hoffnung im Herzen.