Es ist ein Privileg in dieser Klinik arbeiten zu dürfen

Prof. Dr. Hartwig Huland hätte längst das Skalpell aus der Hand legen und sich ein Leben in der Sonne oder sonstwo leisten können. Vor sechs Jahren hat er sich als langjähriger Chefarzt im UKE mit dem Vortrag „Faszination Medizin“ von Studenten und Kollegen verabschiedet. Doch der Abschied war nur ein Abschied vom Amt – nicht aber von der Herausforderung, Männern zu helfen. Er stürzte sich umgehend in den Ausbau der Martini- Klinik, operiert an drei oder auch vier Tagen in der Woche, hält weltweit Vorträge, ist allen Kollegen ein Vorbild – als Mensch und als Wissenschaftler. „Die Männer“, erzählt Huland, „die noch vor zehn, 20 Jahren operiert wurden, wurden teilweise grauenhaft behandelt. Die OP war in den meisten Fällen Garant für Impotenz und den Verlust von Kontinenz. Wenn ich sehe, wie wir das alles heute in den Griff kriegen, ist das extrem befriedigend. So groß, all die Feedbacks von Männern zu bekommen, die geheilt sind! Deshalb empfinde ich jeden Tag als ein Privileg, in diesem Bereich, in dieser Klinik arbeiten zu dürfen.“

Hulands Vater war Zahnarzt. Und natürlich war es sein Wunsch, dass der Junior die Praxis übernimmt. Huland wollte alles – nur das nicht. „Die Zahnmedizin hat mich Null interessiert.“ Stattdessen entschied er sich für die Innere Medizin. Doch auch die war‘s nicht. „Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich in einem relativ kleinen Bereich als Arzt viel mehr helfen könnte als in einem großen mit vielen, vielen Erkrankungen.“ So wurde Huland Urologe. Mehr als das: eine Kapazität, Urologie-Papst! Den Preis, den es kostet, sich einen solchen Ruf zu erarbeiten, zahlt er klaglos: Er lebt für seinen Beruf. Er joggt, rudert (am liebsten auf der Alster), hält sich fit. Er raucht nicht, isst fleischarm und viel Gemüse, er trinkt nicht den kleinsten Schluck Wein, wenn er am anderen Morgen im OP steht. Und er ist vor Mitternacht im Bett. „Eine OP“, sagt der Experte, „erfordert größtmögliche Konzentration. Und die habe ich am besten dann, wenn ich entsprechend lebe.“

Wenn er am Tisch steht und die Lichter auf den herunterscheinen, dessen Leben hier auf dem Spiel steht, ist es mucksmäuschenstill, keine Musik, kein Gespräch. Er weiß aus Jahrzehnten an sehr persönlicher Erfahrung, mit welchen Hoffnungen, Erwartungen und Wünschen die Männer zu ihm in die Klinik kommen. „Wir Chirurgen sind für die Patienten nach ihrem Besuch beim Hausarzt und der ersten Diagnose beim niedergelassenen Urologen so etwas wie die Endstation. Dieser Aufgabe, dieser großen Verantwortung sind wir uns alle bewusst.“

Wenn er einen Wunsch frei hätte für die Medizin der Zukunft – welcher wäre das? „Mein Traum wäre, wenn die Messung der Ergebnisse, die Outcome-Analyse, wie wir sie hier machen in Deutschland Standard würde. Es würde den Wettbewerb, die Qualität verändern und die Kostenexplosionen bremsen. Wir hätten Zentren mit Top-Experten und Ergebnissen, die jeder nachlesen kann. Es ist doch im Prinzip furchtbar, wenn Krankenhäuser ihre eigenen OP- und Langzeitergebnisse nicht kennen... und die Patienten nicht wissen, wem sie ihren Körper anvertrauen. Welche Erfahrung der Operateur überhaupt hat. Es wäre mein Traum, Kliniken zu verpflichten, alle Daten offenzulegen. Ach ja und noch was“, setzt Huland nach, „ ich wünsche mir, dass die Patienten mündiger werden. Dass sie sich trauen, den Operateur nach seiner Ausbildung und seinem Leistungsspektrum zu fragen.

„Aber,“ schiebt Huland nach „gegen Vorsorge-Ignoranz ist jede ärztliche Kunst machtlos.“ Deshalb ist das Thema Vorsorge für ihn insgesamt der Dreh- und Angelpunkt. Noch immer gehen viel zu wenig Männer regelmäßig zur Vorsorge. Wenn sie dennoch den Weg zum Arzt finden, dann hat oft die Ehefrau oder Partnerin nachgeholfen. Professor Huland: „Männer fühlen sich in ihren typischen männlichen Zonen bedroht, und das verleitet viele zum John-Wayne-Verhalten...“ John-Wayne-Verhalten? „Mir kann nichts passieren...“, erklärt er den Begriff und schüttelt den Kopf: „Unsere ganze medizinische Kunst nutzt nichts, wenn Patienten zu spät zu uns kommen. Und in diesem Zusammenhang ist es mir ein Bedürfnis, an Männer zu appellieren, für ihre Gesundheit mehr Verantwortung zu übernehmen. Im Interesse des eigenen Lebens, der Lebensqualität. Und im Interesse der Menschen, von denen sie geliebt werden. Und die sie nicht verlieren möchten.“