„Irgendwann habe ich mir eingestanden, dass ich nur Vorurteile weiterreichte“

Über Operateure der Championsleague und den großen Krankenhaus-Wettstreit, den wir alle brauchen

Ein Interview mit Dr. Jens Deerberg

Möchten Sie das Krankenhaus, in das Sie krank eingeliefert worden sind, gesund wieder verlassen? Möchten Sie dem Operateur, dem Sie sich anvertrauen, auch wirklich vertrauen können? Wie wichtig ist Ihnen Ihr Leben – oder, direkter gefragt: Möchten Sie den Eingriff überleben? Und möchten Sie, dass Ihr Arzt nach Ihrer Klinik-Entlassung Kontakt mit Ihnen aufnimmt und Sie fragt: „Wie geht‘s? Ist alles gut?“

Natürlich wollen Sie all diese Fragen mit ,Ja‘ beantworten!
Sie mögen zynisch klingen – aber sie haben ihre Berechtigung. Denn die Wahrheit ist: Etwa 40.000 Menschen sterben jährlich in deutschen Krankenhäusern, weil sie nicht angemessen behandelt worden sind. Medizinische Ergebnisse und Qualitäten von Kliniken liegen im Dunkeln, versteckt in einer Black Box. Und normalerweise interessiert sich kein Krankenhaus dafür, was aus ihren Patienten nach der Behandlung geworden ist. So rennen viele Menschen oftmals weiterhin von Arzt zu Arzt. Sie leiden (Mediziner-Spott) unter dem „Odysseus-Syndrom“. So, wie der Held der griechischen Sagenwelt erst nach langer Irrfahrt in die Heimat fand, so muss der Patient wahre Abenteuer überstehen, bis ihm (wenn überhaupt) geholfen wird.

Dr. med. Jens Deerberg, der das Consortium for Health Outcomes Measurement (Institut zur Messung von Ergebnisqualität) an der amerikanischen Elite-Universität Harvard aufgebaut hat und leitet, kommentiert diesen Zustand so:

„Krankenhäuser ohne Qualitätsmessung befinden sich in einem wahren Blindflug. Das ist nicht nur bitter für die Patienten, sondern auch für die Ärzte. Sie müssen sich eingestehen, nicht zu wissen, in welcher Klasse sie operieren: in der Championsleague oder in der Kreisklasse...“

 

Der Gesundheitsanalyst: „Nehmen wir beispielsweise einen Rückenpatienten. Es muss doch für alle beteiligten Ärzte unbefriedigend sein, sechs Monate nach der OP nicht zu wissen, ob die OP wirklich gelungen ist; ob der Patient wieder schmerzfrei gehen, eine Kiste Bier heben oder wieder Ski laufen kann.“ Er geht noch einen Schritt weiter: „Ja, ich empfinde es als unethisch, keine Ergebnisse zu kennen.“

Dr. Deerberg ist Fan der Martini-Klinik, dem weltweit größten Prostatazentrum. Der Zufall hat ihn und Prof. Dr. med. Hartwig Huland, Gründer der Klinik, zusammengeführt. Ihre Wege kreuzten sich durch eine stern-Reportage, in der Huland Fakten und Gedanken von Michael E. Porter las – dem renommierten Gesundheits-Ökonom der Harvard University. Porter sagte dem stern: „Nirgendwo ist die Gesundheitsversorgung besser als in Deutschland. Die Behandlung ist aber nur mittelmäßig.“ Und er forderte ein „radikales Umdenken“ hin zu einer Qualitätsoffensive. Er erklärte auch, wie das funktionieren könne: „Dazu gehören etwa integrierte Behandlungseinheiten – also spezialisierte, interdisziplinäre Teams, die eine Krankheit gemeinsam behandeln und die Behandlungsergebnisse messen. Eigentlich müssen Krankenhäuser und Ärzte gesetzlich dazu verpflichtet werden, die Ergebnisse ihrer Arbeit und die Kosten zu messen. Diese Ergebnisse sollten veröffentlicht werden. Denn nur dann wissen wir, wer wirklich gute Arbeit leistet und wer nicht.“

Huland sah sich auf ganzer Linie bestätigt. Denn genau das, was der Amerikaner forderte, hatte sein Zentrum längst zu bieten – mit dem Effekt, dass mehr als 98 Prozent der Patienten ihren Freunden und/oder Verwandten empfehlen würden, sich in der Martini-Klinik behandeln zu lassen. Bei dem spontanen Versuch, mit Michael E. Porter Kontakt aufzunehmen, begegnete Prof. Huland erstmals dessen deutschem Mitarbeiter: Dr. Jens Deerberg, ebenfalls ein leidenschaftlicher Verfechter von Qualitätsmessung und Qualitätskontrolle. Und es wurde eine Allianz aus den beiden Männern!

Wer ist Dr. Jens Deerberg? Wie kam es, dass er die Qualitätsmessung, die Transparenz, nicht nur zu seinem Beruf, sondern auch zu seiner Berufung machte? Gibt‘s da möglicherweise ein Schlüsselerlebnis? „Ja“, nickt der Arzt und einstige molekulare Onkologe, „es gab ein Schlüsselerlebnis. Aber das war keine herzerweichende Geschichte… wobei ich natürlich mit meiner Familie und meinen Freunden die gesamte Bandbreite in der Medizin erlebt habe. Sie reicht von wunderbarer, zugewandter Betreuung und tollen Leistungen bis hin zur Ruppigkeit, wenig Einfühlsamkeit und katastrophalen Fehlern.“
Dr. Jens Deerberg hatte das Schlüsselerlebnis in seiner Funktion als Krankenhausmanager, als einziger Arzt in der Geschäftsführung. „Damals wurde ich immer wieder mal von Freunden und Bekannten gefragt: ,Sag mal, so soll ich denn hingehen? Welcher Arzt ist gut? Um wen soll ich einen Bogen machen?‘ Legitime Fragen, auf die ich letztendlich keine Antworten hatte, weil ich im Prinzip keine Ahnung hatte. Ich vertraute all den Klischees: den Bewertungen in irgendwelchen Ärztelisten, meinte, der grauhaarige, seriös wirkende und allseits respektierte Professor sei erstklassig und der (zu mir...) unfreundliche eher drittklassig. Aber irgendwann habe ich mir eingestanden, dass ich nur Vorurteile weiterreichte.“
Das war die Geburtsstunde von Deerbergs Qualitätsmessung! „Dabei geht es keinesfalls darum, die schlechteren Doktoren an den Pranger zu stellen. Vielmehr führt Transparenz zu einem Wettstreit, von dem alle profitieren. Patienten können besser entscheiden, wo sie sich operieren lassen.“

In Zahlen ausgedrückt: Nach einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung wünschen sich 86 Prozent der befragten Menschen Informationen zur Qualität von Krankenhäusern. Doch wie misst man diese Qualität? Wo fängt man an? Was ist relevant für den Patienten? Kann man die Qualität eines Krankenhauses genauso messen, wie die Qualität und die Lebensdauer eines Autos, eines Kühlschrankes? Und was sagen uns all die Listen über Ärzte, die im Internet zu finden sind? „Man kann viele Aspekte medizinischer Qualität messen“, sagt der Qualitäts-Manager. „Aber am Ende ist nur eine Sache wichtig: Was verbessert die Lebensqualität des Patienten? Es muss einfach alles stimmen in einer Klinik: die Kompetenz ALLER Mitarbeiter, der Geist, die Empathie.“
Was versteht er unter Empathie?
Kurze Frage, schnelle Antwort: „Die Fähigkeit der Teamplayer, die Gemütslage des Patienten, sein Leid, seine Angst, seine Hoffnung ehrlich mitzufühlen. Ich will es mal so sagen: Empathie ist die Kunst, sich in die Schuhe des anderen versetzen zu können.“

Wenn Deerberg über Lebensqualität spricht, dann fallen ihm natürlich in der Martini-Klinik die beiden Ur-Ängste der Patienten ein: Inkontinenz und Impotenz. Er kann Zahlen nennen, die einen unmittelbare Auswirkung haben: Kontinenz und Potenz bleiben in den meisten Fällen auf dem Niveau von vor dem Eingriff. In Vergleichszahlen ausgedrückt: Volle Kontinenz bleibt in deutschen Kliniken zu 56,7 Prozent erhalten – in der Martini-Klinik zu 93,5. Zu schwerer Inkontinenz kommt es in deutschen Kliniken in 4,5 Prozent aller Operationen, in der Martini-Klinik bei 0,4. Bei schwerer erektiler Dysfunktion (Impotenz, Potenzstörung) liegt das Verhältnis 75,5 Prozent zu 34,7 Prozent zugunsten des Zentrums. Jede einzelne Zahl macht im Leben eines Mannes und auch im Leben seiner Partnerin einen himmelweiten Unterschied.

Um jedoch genau das zu erreichen, hat die Klinik bereits 1992 in Zusammenarbeit mit der Urologie am Universitätsklinikum Eppendorf eine umfangreiche Ergebniserfassung der wegen Prostatakarzinom behandelten Patienten etabliert. Diese Datenbank, in der mittlerweile mehr als 20.000 Patienten mit jährlichen Verlaufsinformationen erfasst sind, nutzt die Klinik nicht nur zur wissenschaftlichen Analyse, sondern auch regelmäßig alle sechs Monate, zur Qualitätsbewertung der Operateure, der sogenannten Outcome-Analyse.
Dr. Deerberg: „Diese Datenbank ist dem visionären Verhalten von Prof. Huland zu verdanken. Er hat damals von einem privaten Sponsor eine Million erhalten – mit dem Hinweis: Damit können Sie machen, was Sie wollen...“ Der Professor hatte dafür sicher viele Verwendungsideen. „Aber der Aufbau der Datenbank“, so Deerberg, „schien ihm am wichtigsten – eine revolutionäre, zukunftsweisende Entscheidung, die einmalig ist in Europa.“

Wenn man ihm zuhört, fällt man von einer Gefühlszacke in die andere. Einerseits sind da die beeindruckenden Fakten über den hohen Qualitätslevel – andererseits werden einem die Gefahren deutlich, in denen man als Patient schwebt.

„Die Qualitätsschwankungen sind riesig“, sagt er unumwunden. „Manche deutsche Kliniken oder Stationen sind so verheerend, dass man sie schon mehrfach hätte dicht machen müssen.“

 

Beispiele? „Gern“, sagt er. Beispiel künstliche Hüftgelenke: Laut einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK mussten im besten Viertel der Kliniken zwei Prozent der Behandelten nachoperiert werden – bei den schlechtesten 25 Prozent der Krankenhäuser lag die Revisionsrate dagegen mehr als doppelt so hoch.
Beispiel Herzinfarkt: „Nehmen Sie zwei Infarktpatienten mit der gleichen Problematik. Der eine kommt mit Blaulicht ins Krankenhaus A – der andere mit Blaulicht ins Krankenhaus B. Der eine wird nach sechs Tagen entlassen und ist wieder fit wie ein Turnschuh...der andere ist nach drei Tagen tot.“
Wie kann das passieren? Hatte der eine Arzt Medizin und der andere BWL studiert...? „Nein, nein“, wehrt der Experte ab und wird ernst. „Es macht einfach einen Unterschied, welche Erfahrung man hat. Lassen Sie es mich so sagen: Wer täglich 50 Baumkuchen backt, macht das einfach besser als der, der alle 14 Tage mal einen Baumkuchen in den Ofen schiebt.“

Was ist denn die Moral von dieser unerfreulichen Situation? „Wir brauchen in Deutschland mehr Gesundheitszentren, die sich nicht nur auf eine Methode konzentrieren, sondern ganzheitlich um das Krankheitsbild kümmern. Sogenannte Versorgungszentren mit den besten Leuten für alle patienten-relevanten Aspekte.“ Eine ganz persönliche Frage an ihn: Angenommen, sein Urologe stellt bei ihm Prostatakrebs fest? „… dann wäre die Martini-Klinik meine erste Anlaufadresse!“, sagt er wie aus der Pistole geschossen. „Hier treffe ich auf Spezialisten, die mich ergebnisoffen beraten, die jede Therapieoption kennen und die sich in meine Situation versetzen können und wissen, was mir hilft.“

Vor uns liegen ein paar Briefe, die Patienten geschrieben haben – wie Ernst R. aus Altrip: „Sie waren genauso, wie man es als Patient in solcher Situation braucht, und Sie waren viel besser, als ich es jemals zu träumen gewagt hätte. Danke, danke, danke.“ Und ein anderer: „Das Bittere ist, dass man erst eine so schlimme Diagnose wie Prostatakrebs bekommen muss, um zu erfahren, dass es so eine tolle Klinik gibt...“

Werden wir bald wissen, ob es auf der Welt noch mehr Kliniken gibt, die in ihrer Arbeit einen solchen Qualitätsstandard zugrunde legen? Ja, aber es wird noch ein Weilchen dauern. Denn sein Institut zur Messung von Ergebnisqualität (ICHOM) macht den ersten globalen Outcome-Vergleich der Prostatazentren auf allen fünf Kontinenten: „Dann wissen wir, ob der Prostatakrebs-Patient in Bangkok genauso gut aufgehoben ist wie in Kapstadt, in Hamburg, in San Francisco, in Bombay oder sonst wo auf der Welt. Verdient hätte er es! Denn eines dürfen wir nie vergessen: In einem Krankenhaus ist nicht der Arzt die wichtigste Person, sondern der Patient!“